Das Schreiben- und Leselerntempo ist bei jedem Kind unterschiedlich. Kinder mit einem Förderschwerpunkt Sprache stehen hier vor einer besonders großen Aufgabe. Wenn das Hören, Unterscheiden oder Aussprechen von Lauten schwerfällt, wird auch der Weg zur Schrift holpriger.
Damit dieser Start optimal gelingt, haben wir an der Schule an der Tesche ein eigenes Konzept entwickelt. Wir kombinieren dabei die freie Freude am Schreiben mit einem ganz klaren, verlässlichen Fahrplan. So lernt jedes Kind Schritt für Schritt, sicher und ohne Angst.
Bevor wir überhaupt mit echten Buchstaben starten, lernen die Kinder, die Bausteine unserer Sprache zu hören.
Klang und Symbol: Durch verschiedene Übungen verbinden wir Geräusche und Töne mit ersten Zeichen.
Silben in die Hand nehmen: Statt Silben nur flüchtig zu klatschen, nehmen wir Wörter symbolisch „in die Hand“. Jede Silbe wird als roter Punkt aufgemalt. Das hilft dem Gedächtnis und schult gleichzeitig die Handmotorik beim Kreisezeichnen.
Der Vokalvorkurs: Vokale (A, E, I, O, U) und Zwielaute (Au, Ei, Eu) sind das Fundament unserer Sprache. Weil sie für Kinder mit Sprachschwierigkeiten am schwersten zu hören sind, starten wir mit einem intensiven Training – zunächst nur in großen Druckbuchstaben.
Die Handzeichen: Zu jedem Laut lernen die Kinder ein festes Handzeichen. Es zeigt ihnen spielerisch, wie der Mund geformt wird oder wo der Ton im Hals entsteht. So merken sich die Kinder die Buchstaben viel leichter und wir verhindern von Anfang an eine unvollständige „Skelettsprache“ (wie „Hnd“ statt „Hund“).
Wenn die Vokale sitzen, gehen wir im wahrsten Sinne des Wortes „in den Hafen“. Mit der Methode der Silbenschiffer verpacken wir die Lautanalyse in eine spannende Geschichte:
Der Hafenmeister (das Kind) bestimmt, wie viele Boote (Silben) ein Wort braucht und zeichnet dafür grüne Silbenbögen.
Jedes Boot braucht unbedingt einen Kapitän, um fahren zu können. Die Kapitäne sind unsere bekannten Vokale.
Die Kinder lernen so, die Vokale als feste „Trittsteine“ in jeder Silbe eines Wortes aufzuspüren und als rote Buchstaben in die Boote zu setzen.
Sobald die Kapitäne sicher in den Booten sitzen, führen wir das Lesetor ein. Das ist eine große, übersichtliche Anlauttabelle, die den Kindern als Orientierung dient. Um die Kinder nicht zu überfordern, nutzen wir im ersten Jahr auch hier nur die großen Druckbuchstaben:
Im oberen Bogen (Rot) wohnen die Vokale und Zwielaute mit passenden Bildern für kurze und lange Töne.
Auf der linken Seite (Blau) wohnen die stimmhaften Mitlaute (Konsonanten) – das sind die Buchstaben, bei denen es am Hals spürbar „kribbelt“ (z. B. M, B, D).
Auf der rechten Seite (Gelb) wohnen die stimmlosen, leisen Mitlaute (z. B. P, T, K).
Da sich ähnliche Laute genau gegenüberstehen, können die Kinder sie auditiv perfekt voneinander unterscheiden. Erst im zweiten Schuljahr kommen die kleinen Buchstaben dazu.
Mit dem eingeübten Lesetor startet das fehlerfreie Schreiben mit unserer selbst entwickelten Parkplatzmethode. Jedes Wort bekommt eine Reihe von bunten „Parkplätzen“, die genau zum Lesetor passen: rote Plätze für Vokale, blaue für summende Mitlaute und gelbe für leise Mitlaute. Die Kinder müssen nun beim Schreiben die passenden Buchstaben auf den Parkplätzen „parken“.
Keine Lücken mehr: Weil für jeden Laut ein Parkplatz da ist, merken die Kinder sofort, wenn sie einen Buchstaben vergessen haben. Das beugt Fehler effektiv vor.
Rechtschreibung fördern: Über „Sonderparkplätze“ lernen die Kinder schwierige Rechtschreibphänomene ganz spielerisch. Ein Doppelparkplatz zeigt zum Beispiel an, dass nach einem kurzen Vokal zwei Mitlaute folgen (wie bei „Ba-ll“). Ein langer Parkplatz signalisiert ein stummes H oder E, das dem Vokal beim langen Klingen hilft (wie bei „K-uh“ oder „B-ie-ne“). Die eigentliche Grammatikregel dazu erklären wir erst viel später – am Anfang reicht das visuelle Bild.
Geübt wird selbstständig mit unserer Wortschatzkiste. Das ist eine Kartei, die in verschiedene Schwierigkeitsstufen unterteilt ist. Ein Kind schnappt sich eine Karte passend zu seinem Lernstand. Darauf sieht es ein Bild (z. B. eine Katze) und die dazugehörigen bunten Buchstaben-Parkplätze. Das Kind zeichnet die Parkplätze in sein Heft und füllt sie aus. Weil auf den Karten auch Symbole für die Artikel (der, die, das) und die Mehrzahl abgebildet sind, wandert das Wort direkt richtig abgespeichert in das Gedächtnis des Kindes.
Dieses Konzept nutzen wir nicht nur im Deutschunterricht, sondern fächerübergreifend und in allen Förderstunden. Die Visualisierungen geben unseren Schülerinnen und Schülern oft bis zur 4. Klasse Halt und Sicherheit beim Schreiben.